Währung

 

Unter Volkswirten, Anlegern und Notenbankern wird in wachsendem Maße über einen Begriff diskutiert, den in der Öffentlichkeit bis vor kurzem kaum jemand kannte: „Helikoptergeld“. Der Chefvolkswirt der Europäischen Zentralbank (EZB), Peter Praet, äußerte beispielsweise kürzlich die Ansicht, dass „alle Zentralbanken es machen könnten“, wenn erforderlich. Der Chef der Deutschen Bundesbank, Jens Weidmann, warnte dagegen, dass ein solcher Schritt gewaltige Löcher in die Bilanzen der Notenbanken reißen würde. Beim Helikoptergeld geht es darum, dass die Zentralbank Geld nicht an die Banken gibt, sondern direkt an die Bürger verteilt.

Insidern ist das Konzept durchaus schon länger bekannt; schließlich ist die Idee dazu bereits 47 Jahre alt. Erstmals formuliert wurde sie von dem amerikanischen Ökonomen und Nobelpreisträger Milton Friedman, der als Erfinder des Monetarismus gilt. Angesichts des Aufsehens, das seine Idee derzeit erregt, wäre es interessant, was Friedman in der aktuellen Situation dazu sagen würde. Er entwickelte sein Gedankenexperiment in dem 1969 erschienenen Artikel „The Optimum Quantity of Money“.

 

Wieviel Geld braucht eine funktionierende Gesellschaft?

In diesem Artikel versucht er die Frage zu beantworten, wieviel Geld in einer sich im Gleichgewicht befindenden Wirtschaft in Umlauf sein müsste, damit die Fähigkeit der Gesellschaft gewährleistet bleibt, Waren und Dienstleistungen zu kaufen. Eine seiner wichtigsten Bedingungen für Helikoptergeld ist, dass der „Geld-Abwurf“ (also die Auszahlung an die Bürger) ein einmaliges, sich nicht wiederholendes Ereignis sein müsste. Gälte diese Bedingung nicht, könnte das „Erscheinen des Hubschraubers“ die Unsicherheit der Menschen erhöhen, was wiederum die reale Geldnachfrage verändern könnte.

Wegen der Bedingung des nur einmaligen Geld-Abwurfs könnte Friedman dagegen sein, die Idee  in die Praxis umzusetzen. Denn nach den Erfahrungen mit der unkonventionellen Geldpolitik, in deren Rahmen ein Quantitative-Easing-Programm (QE) das nächste jagte und in der Eurozone und Japan noch immer jagt, fällt es tatsächlich schwer zu glauben, dass eine Notenbank einer ersten Geldspritze an die Bürger keine weiteren folgen ließe.

Ein Argument für Helikoptergeld, dem Friedman möglicherweise zustimmen würde, ist die Behauptung, dass der EZB die Munition ausgeht und die jüngste Ausweitung von QE wohl kaum noch etwas bringt. In einem weiteren Artikel, der sich mit der Rolle der Geldpolitik beschäftigt, verglich Friedman die Entwicklung in den 1970er-Jahren mit der in den 1920er-Jahren. Was er darin schrieb, erinnert sehr an die Gegenwart:

„Ich befürchte, das Pendel hat, damals wie heute, zu sehr ausgeschwungen, so dass – damals wie heute – die Gefahr besteht, der Geldpolitik eine so große Rolle zuzuweisen, die sie nicht spielen kann, die Gefahr, von ihr die Übernahme von Aufgaben zu fordern, die sie nicht erfüllen kann – und als Folge davon die Gefahr, sie davon abzuhalten, das zu tun, wozu sie fähig ist, es zu tun.“

 

Was früher undenkbar war, ist heute Realität

Geldpolitik, die früher als vollkommen unkonventionell galt, ist heute an der Tagesordnung. Dabei ist die Verunsicherung über ihre Wirkungen groß. So wies etwa James Bullard von der US-Notenbank Fed kürzlich bei einer Rede in Frankfurt darauf hin, dass niedrige Zinssätze möglicherweise zu einer geringeren und nicht zu einer höheren Inflation führen.

Friedman beschreibt Geld als eine „außerordentlich wirksame Maschine“, die ähnlich wie Traktoren und Fabriken die Wirtschaft effizienter und produktiver macht. Er weist jedoch auch darauf hin, dass Geld das Potenzial hat, Chaos anzurichten:

„Aber Geld hat eine Eigenschaft, die diese anderen Maschinen nicht haben. Weil es so alles durchdringend ist, wirft es Sand ins Getriebe aller anderen Maschinen, wenn es außer Kontrolle gerät.“

Nullzinsen oder negative Zinsen haben bislang zu keinem Anstieg der Verbraucherpreise geführt. Die Versuche der Fed, ihre Geldpolitik zu normalisieren, wirken inzwischen fast schon peinlich. Weil die „Geldmaschine“ nicht das tut, was sie laut Lehrbüchern tun sollte, stottern auch die Maschinen des Wirtschaftswachstums und produzieren Aussetzer.

Letzten Endes wäre für Friedman das intellektuell schwächste Argument wahrscheinlich das einzige, das übrigbleibt: Wenn alles andere nicht funktioniert, warum sollte man es dann nicht mit Helikoptergeld versuchen?

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