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Steven Bell ist Chefvolkswirt bei BMO Global Asset Management. Wegen des drohenden Brexit steht der britische Aktienmarkt im Fokus vieler Anleger. Im Gespräch mit MBVO wägt Bell Chancen und Risiken ab.

 

MBVO: Herr Bell, die Angst vor einer globalen Rezession, schwache Unternehmensgewinne und ein möglicher Brexit belasten die Stimmung an der britischen Börse. Bedeutet das nicht auch schlechte Aussichten für den britischen Aktienmarkt?

Steven Bell: Trotz dieser Belastungsfaktoren ist für den britischen Aktienmarkt mittelfristig mit positiven Aktienerträgen zu rechnen. In den nächsten Jahren spricht vieles für niedrige und volatile Erträge – grundsätzlich ein eher unattraktives Szenario, nichts aber im Vergleich mit anderen Assetklassen wie etwa Staatsanleihen. Hohe Dividendenrenditen in Großbritannien wirkten stützend für Aktienerträge.

 

MBVO: Welche Bereiche versprechen die besten Chancen?

Bell: Eine besondere Bedeutung kommt dem Öl- und Gassektor zu, der eine durchschnittliche Dividendenrendite von 6,4 Prozent verzeichnet. Im Februar lagen der FTSE 100 und der FTSE All-Share Index über 20 Prozent unter ihren jüngsten Hochständen. Folglich befindet sich der britische Markt technisch wie viele andere große Börsen bereits in der Baisse. Anleger müssten sich mit der Frage beschäftigen, ob britische Aktien mittelfristig eher positive oder eher negative Renditen erzielen.

 

MBVO: Worauf sollten Anleger dabei besonders achten?

Bell: Ich rate, den Blick vor allem auf die fundamentalen und langfristigen Bestimmungsfaktoren der Aktienerträge zu richten. Dies sind die Unternehmensgewinne und die Dividenden. Letztere sind in Großbritannien hoch, sowohl im internationalen Vergleich als auch vor dem Hintergrund der sehr niedrigen Zinsen auf Staatsanleihen. Dieses Niveau kann in den nächsten Jahren jedoch nicht gehalten werden. Für den FTSE 100 geht der Markt davon aus, dass Dividenden bis zum Jahr 2022 um 24 Prozent unter das Niveau des vergangenen Jahres sinken.

 

MBVO: Betrifft das den gesamten Markt oder primär bestimmte Unternehmen?

Bell: In diesem Spektrum befinden sich sowohl Unternehmen mit tendenziell zu hohen Dividenden als auch Firmen, deren Dividenden wahrscheinlich noch steigen. Entscheidend sind letztendlich für die zukünftige Entwicklung vor allem die Unternehmensgewinne. Bei den Ausschüttungsquoten gibt es noch Spielraum nach oben. Wenn die Dividenden aber langfristig absolut wachsen sollen, müssen sich die Gewinne der Unternehmen nachhaltig verbessern.

 

MBVO: Gibt es keine Gründe, die für steigende Unternehmensgewinne sprechen?

Bell: Doch, durchaus, es gibt sogar gewichtige Gründe, die für ein Ende der schwachen Gewinne sprechen. So ist der Außenwert des Pfunds gesunken, was sofort zu höheren Auslandsgewinnen führt, die 70 Prozent der Gesamtgewinne ausmachten. Zwar sind die Öl- und sonstigen Rohstoffpreise weiterhin niedrig, liegen aber über ihren Tiefstwerten. Und ich rechne mit einer weiteren Erholung der Rohstoffpreise. Fundamentaler betrachtet hängen die Unternehmensgewinne vom Konjunkturzyklus ab. Die Arbeitslosigkeit ist in Großbritannien auf ein historisch niedriges Niveau gefallen. Allerdings steigt auf diesen niedrigen Niveaus tendenziell die Lohninflation. Diese ist in Großbritannien zuletzt bemerkenswert niedrig gewesen, aber die Einführung existenzsichernder Löhne im April könnte den Druck durch die Arbeitsmarktknappheit zusätzlich verstärken.

 

MBVO: Wie schätzen Sie das globale Rezessionsrisiko ein, das ja auch Großbritannien treffen würde?

Bell: Das globale Wachstum bleibt positiv, aber schwach, und Beobachter fürchten, dass die jüngste Leitzinserhöhung der US-Notenbank Fed, die zu höheren Finanzierungskosten führt, eine Rezession auslösen könnte. Allerdings fällt die Zinserhöhung der Fed mit einer niedrigen Inflationsrate zusammen, so dass die Aussicht besteht, dass der Konjunkturaufschwung sogar verstärkt und nicht abgewürgt wird. Die Lage ist nicht besonders gut, da die Dividenden am Limit sind und die Unternehmensgewinne hinter ihren Erwartungen zurückbleiben. Dem niedrigen Zinsumfeld ist aber geschuldet, dass Aktien trotzdem attraktiv sein könnten. Denn Aktien profitierten von künftigen Unternehmensgewinnen sowie Dividenden und die Zinsen sind die Abzinsungsraten, mit denen sie in den aktuellen Barwert umgerechnet werden. Niedrige Zinsen implizieren hohe Aktienkurse und führen zu einer Flucht in Aktien.

 

MBVO: Wie würde sich ein Austritt Großbritanniens aus der EU, also der Brexit, auswirken?

Bell: Der Brexit spielt im Kontext der Marktsituation eine zentrale Rolle. Abgesehen von langfristigen Auswirkungen auf Großbritannien würde eine Austrittsentscheidung eine lange Zeit der Unsicherheit einläuten, bis die Handelsverträge neu vereinbart sind und sich die Unternehmen an die neue Situation angepasst haben. Für die Märkte wäre das natürlich von Nachteil, aber die in diesem Fall zu erwartende Abwertung des britischen Pfunds würde zumindest für eine gewisse Stützung sorgen. Da der Markt die Möglichkeit beider Ergebnisse einpreist, hätte ein Votum für die EU-Mitgliedschaft vermutlich einen gegenteiligen Effekt.

 

MBVO: Herr Bell, wir danken Ihnen für das Gespräch.

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